Collection: Hess/Hassel Family Letters
Author:
Recipient: Friedrich Wilhelm Hess
Description: Letter to Friedrich Wilhelm Hess from his mother, Marianne Hassel, and his sister, Emilie Hassel, February 10, 1873.
Original text
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Hamm den 10. Seb. 1873
Geliebter Sohn!
Dein lieben Brief vom 5 ten Januar hat, wie all seine Vorgänger, uns die größte Freude bereitet, u danken wir Dir denselben recht von Herzen. Es sind immer Festtage für uns, wenn wir ein Lebens oder Liebeszeichen von Dir erblicken, da ja die weite Entfernung es unmöglich macht, das gegenseitige Mit=theilungen so oft erfolgen können, wie Herz u Sinn danach verlangen - doch - mein Wilhelm - wir meinen es treu u gut gegenseitig. Darum wollen wir fort fahren oft ein Plauderstündchen per Feder mit ein=ander zu halten u Du u Emilia, müßt auch in dieser Beziehung mich ins Schlepptau nehmen, da Kopf u Hand nicht viel mehr leisten können. Die so gütige Übersendung Deiner geistgen mühvollen Arbeitungen in den dortigen Zeitungen tragen sehr viel zur Unterhaltung der langen Winterabende bey - bis zum - oder besser - vom 12. Juny erhielten wir sie schon, u bin ich sehr gespannt wie die arme Magdalene sich durch kämpfen will, jetzt in- teressier ich mich sehr für sie, auch gefällt mir, treue Liebe, auch besonders [?] Piterel [/?] so heimatlich - die Keinen von Allen aber das auf [illegible] geschiedenen Freund, der Nachruf
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kam von Herzen u ging zu Herzen - ich habe u werde das Lied noch oft - oft lesen, Jetzt bin ich müde, ant=worte bald u behalte recht lieb - Deine treue Mutter . -
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Lieber Wilhelm!
Auch ich, mein guter Bruder, kann dir nur wieder=holen, welche innige Freude Deine ausführlichen Zeilen bei uns erregt haben, wie unendlich dankbar wir Dir für dieselben sind. Alles was Du thust, treibst und unternimmst, ist für uns von größten Interesse, und ich kann Dich fest versichern, daß Deine belletristischen, so wie auch alle Deine Geistes Produkte und Arbeiten, für uns ein großer Magnat sind, wir lasen dieselben zu verschiedenen und wieder=holten malen, und bedauerten mit den dortigen Lesern, daß in dem gestern hier eingetroffenen Sonntagsblatt, keine Fortsetzung der "neuen Magdalene" ist. Es ist sehr freundlich und liebens=würdig von Dir, daß Du so treu und unverdrossen die Zeitungen uns sendest, aber könntest Du jedes=mal unsere Freude beim Empfang derselben sehen, so wäre es Dir Lohn genug, und Du wür=dest nicht vermeiden und auf ferner damit
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fortfahren. Deine Chiffre-Depesche habe ich sofort entziffert, auch mich recht daran ergötzt, es ist nichts gemerkt noch entdeckt, bitten doch die armen Postbeamten viel zu schön, jede Zeitung nachzusehen. Im Grunde aber hast Du ganz recht, man sollte [strikethrough:] ich [/strikethrough] sich dem nicht aussetzen, dies=mal aber bin ich doch recht froh, daß es so gut abgelaufen ist. Sehr ärgerlich war nur zu hören, daß das Couvert so schadhaft angekom=men, die Pantoffeln haben sicher gelitten, und hast Du sie gewiß nicht mehr recht sauber bekommen, war mir recht leid thun sollte. Ist letzeres der Fall, so schreibe es doch ja ganz offen, dann arbeite ich Dir andere, ich thue es von Herzen gern, auch wollen wir Dir gerne einmal Socken stricken, wenn Du es wünschst, theile es uns aber dann mit, ob wollene oder baumwollene und wie Du sie gewöhnt bist zu tragen. Oder hast Du sonst in dieser Art kleine Wünsche, wo erfüllen wir Dir sie gerne, aber bitte schreibe es ja.-
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Von unserm einfachen Stillleben kann ich Dir nichts Neues melden, nur ist es leider mit Mutters Befinden gar nicht gut, das Alter ist vollständig da, die Kräfte nehmen ab und die Schwäche zu, Alles greift sie an, mit einem Wort, sie ist recht hinfällig gewor=den, sie kommt kaum aus der Stube, der Winter ist ihr Freund nicht, gebe Gott daß es sich zum Frühjahr wieder etwas bessert, ich bin selbst oft genug gedrückt und muth=los, trotzdem ich äußerlich stets heiter und froh scheine. Aber ich muß den Kopf oben halten, es geht ja nicht anders, das Leben ist ja dem steten Wechsel unterworfen, bald Ebbe, bald Flut, es ist ein ewiger Kampf, ein fort=währendes Schwanken, zwischen Furcht und Hoffnung. Du meinst, wir sollten den Sommer einmal ganz an dem schönen Rhein verleben, das wäre schon eine gute Sache, wenn es kein Geld erforderte, aber nun dieser Theue=rung hier sowohl, wie dort erst recht, davon
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machst Du Dir gar keinen Begriff. Fritz und Else haben uns ja auch schon wieder auf einige Wochen zum Besuch eingeladen, aber einestheils wünschen und hoffen wir sehr, daß Fritz auch einmal etwas recht Gründliches für seine eigene Gesundheit thut, vielleicht ein Seebad, und anderntheils ist der Aufenthalt für Mutter in einem Hause wo drei kleine Kinder sind, bei ihrer jetzigen Schwäche, auch auf längere Zeit zu unruhig. Klein Fritzchen war sonst wahrhaft rührend in seinen Hülfe=leistungen bei der Großmama, wenn sie nur aufstehen wollte, sprang er gleich hinzu, und bemühte sich zu helfen und sie zu un=terstützen und zu führen. Der Junge hat ein tiefes, sinniges Gemüth, ich möchte fast sagen zu weich, sein Bruder Theodor, der "Diett" genannt, sprudelt voll Laune und Lust, zu jeden Scherz geneigt, immer guter Dinge. Die kleine Magdalene soll sich auch sehr gut entwickeln, hast ja recht, sie ist sehr
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lebendig und auch stets vergnügt. Paulas Mann ist recht krank gewesen, der Arzt hatte ein typhuses Fieber gefürchtet, Gott sei Dank ist es aber nicht geworden, aber ein gastrisches Fieber, es geht aber besser nach den letzten Nachrichten, Herrmann soll den Karls-Bader Brunnen trinken, in dieser Jahres=zeit auch ein Vergnügen. Doch wenn es ihm gut bekommt, dann sind ja die Unannehm=lichkeiten wohl zu überwinden, im Ganzem soll es sonst ein gefährlicher Brunnen sein. Die drei kleinsten Söhne von Bertha hatten den Stickhusten, und waren recht elend, namentlich der kleine Wolf, er ist ein zartes Kind, recht gesund ist er nicht, ich fürchte immer, daß er nicht groß wird, Bertha schreibt selbst, er ist ein Angstkind. Bertha leidet viel am Kopf, sie muß viel leisten, um allen Anforderungen für Häuslichkeit und Geselligkeit zu genügen, sie führt
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ein bewegtes Leben. Gestern erhielt ich aus Münster einen Brief, von dem Hauswirth von Tante Lotta, worin er mir mittheilt, daß Tante schon seit längerer Zeit krank sei, sie selbst nicht schreiben könne, und ich auch vorläufig noch nicht früher kommen solle. Ich antwortete umgehend, daß ich auch schlecht Mutter verlassen könne, höchstens Morgens hin und Abends zurück müsse, wäre aber doch bereit zu kommen, wenn es nöthig sein solle. Gebe Gott daß es nur ein Schreckschuß war, es sollte mir auch um Mu=ters Willen mehr wie leid thun, es ist die einzige und letzte Schwester noch, die sie hat. -
Ich habe in diesen Tagen viel geschrie=ben, den 8 ten Febr. war Paulas Geburtstag, den 9 ten Febr. Louis [illegible], dann schrieb ich auch gleichzeitig an Bertha, adressirte aber
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an Louis, dem es großen Spaß macht, selbst unter seiner Adresse einen Brief zu erhalten, den 6 ten Febr war Vaters Geburtstag, ich war draußen auf dem Kirchhoff, und brachte ihm einen Kranz, so wie auch den 22 ten Januar dem Todestage. Das sind wehmüthige Tage und Erinnerungen die sich daran knü=pfen, was wir einst besessen und nun nicht mehr unser nennen können, doch durch Nacht zum Licht!
Doch sei es für heute genug, mein lieber Wilhelm, Du erhälst doch wieder ein Lebenszeichen von uns, habe nochmals vielen, vielen Dank für die Beweise Deiner treuen Gedanken und das der Güte und sei viel tausend mal gegrüßt von der alten Mama und Deiner
Dich liebenden Schwester Emilie
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