Collection: Hess/Hassel Family Letters
Author:
Recipient: Friedrich Wilhelm Hess
Description: Letter to Friedrich Wilhelm Hess from his mother, Marianne Hassel, and his sister, Emilie Hassel, September 10, 1873.
Original text
[page 1, first author:]
Geliebter Sohn!
Es ist eine lange Zeit darüber hingegangen in der Du nichts von uns erfahren u. dennoch waren unsere Gedanken, Wünsche u. die innigste Anerkennung u. der wärmste Dank für Deine lieben, stets so willkommenen Briefe, in Herz u. Sinn, reichlich vor=handen. Leben - mein Wilhelm - "wenn mann auf- Reisen geht" da giebt es hier eine Pause, dort muß Ver=säumtes nachgeholt werden, u. so vergeht die Zeit. Ein fast 8 wöchentlicher Aufenthalt bey Bertha, hatte mich recht gestärkt, erquickt u. erheitert, leider nahm ein, zwar nur kurzer, dringend gewünschter Besuch, bey Tante Lotte diese günstigen Errungenschaften hier uns Beyde wieder fort, so daß wir ziemlich lahm u. angegriffen wieder in unser kleines Heim einzogen - Die gute Tante ist in ihren Stimmung nach wie früher, steht jetzt ganz allein, da Ottilie leider gestorben, will auch Keinen um sich haben, u. verträgt u. harmoniert auch mit keiner Seele - Doch - des Menschen Stille - ist ja sein Himmelreich-! Die gute Bertha sandte uns Gestern einen ganzen Stoß von Deinen Zeitungen zu, sie hatte sie während unseres Aufenthaltes in Münster für sich behalten u. jetzt werden wir uns selbst wieder daran erfreuen u. dadurch angenehm unterhalten.
[page 2:]
Herrmann hat in Wien einen Herrn getroffen, der dich dem Namen nach - als Mitarbeiter an der [illegible place name abbreviation] Gr. Zeitung kannte - Paula in Reichenhall des gleichen, beyde haben Grüße an Dich gesandt - ob sie dich er- reichen werden?. Nun, mein geliebter Sohn, muß ich abbrechen, das Schreiben wird mir beschwerlich. Vergelte nicht Gleiches mit Gleichen - sondern antworte, bitte, recht bald, u. erfreue dadurch Deine Dir treuen in unwandelbarer Lieben, alte Mutter! -
[page 2, second author:]
Unserer guten, alten Mama wird das Schreiben recht schwer, und da mußt Du schon, mein guter Bruder, mit der Fortsetzung von mir vorlieb nehmen die ich Dir so gern sende, und zwar heute zum ersten=mal von unserer alten Heimth aus, die wir ja glück=ich und ohne besondern Unfall, Gott Lob, wieder erreicht haben. Jetzt sind wir wieder, wenigstens so ziemlich in alter Ordnung, und es geht Alles wieder im gewohnten Gleise weiter, im Anfang macht es mir stets viel zu schaffen und zu ordnen, aber dann ist es auch wieder recht gemüthlich und behaglich bei uns. Die Prosa will wieder geübt sein, die nach so schöner Zeit im Anfang nicht so recht munden will, doch Alles hat ja einen Uebergang, sagt schon der
[page 3:]
Fuchs, wie ihm das Fell abgezogen wird, und somit sind ja auch kleine Unannehmlichkeiten leicht zu überwinden. Doch zunächst, lieber Wilhelm, einen herz- lichen Dank für deinen prächtigen Brief, es geht Dir ja gut, und Du hast Dein Wiegenfest im Kreise Deiner Freunde froh und heiter gefeiert und verlebt, darüber haben wir uns innig gefreut, möchte das ganze Jahr Dir so ungetrübt verfließen, und Anfang und Ende im Einklang stehen. Schwager Herrmann und auch Paula haben Dir tausend Grüße gesandt, durch Herren die sie in Wien und Reichenhall kennen lenten wir sind alle sehr gespannt, ob die Dir wohl überbracht werden, wir wünschten es sehr. Paula ist die Kur in Reichenhall sehr gut bekommen, ihr Mann wollte sie noch nach Wien abholen, aber leider wurde nichts daraus, da sie zu ängstlich wegen der Cholera waren, die hier in vielen Orten wieder ihre Opfer gefordert hat. Herrmann ist sehr befriedigt und entzückt von der Ausstellung, wie Du ja selbst nach allen Berich=ten und Zeitungsnachrichten am Besten ermessen kannst, dann machten H. und Paula noch eine [illegible] ne Reise hinterher, durch schöne Gegenden, das Satz-Kammer Gut ist ihr beiderseitiges Entzücken, Natur und Kunst ergötzte sie, und sie werden noch lange in der Erinnerung daran fortleben.-
[page 4:]
Im Ganzen haben wir wohl einen recht warmen Sommer gehabt, aber jetzt ist es seit acht Tagen so herbst- lich und kalt, daß manche schon eingeheizt haben, das wäre aber traurig einen so frühen Winter zu bekommen namentlich bei den enorm hohen Kohlepreisen. Die Theuerung nimmt hier wie allent=halben mit Riesenschritt zu, wo das noch hinaus soll, soll mich wundern, da Einnahmen und nothwen=dige Ausgaben kaum im Verhältnis stehen auch selbst bei der größten Einfachheit und Beschränkung nicht. Bertha sandte uns Deine so gütigst geschickten Zeitungen zu, habe tausend Dank für dieselben, sie werden uns in nächster Zeit eine höchst willkom=mene Lecture sein, wir lesen sie mit großem Interesse, selbstredend ist Alles was aus deiner speziellen Feder geflossen für uns das Wichtigste, Anregenste und Beste. "Die neue Magdalena" er=scheint auch hier jetzt in einem Journal "Das neue Blatt ", vor einiger Zeit las ich eine ganz außerordentlich geistige Kritik über dieselbe, sie wird sehr gerühmt, und auch mit vollem Recht, denn die Charactere sind scharf ge=zeichnet und erhalten in fortwährender Spannung.
[page 5:]
Gegen den 20ten dieses Monats erwarten wir Bertha, hoffentlich kommt nichts dazwischen, sie kann sich immer so schwer herausreißen, hat eine sehr unruhige Haushaltung, namentlich wird es ihr oft schwer, Alles gründlich zu besorgen, bei ihrer steten Kränklichkeit. Wir danken und möchten so sehr gern, daß ihr die Ruhe bei uns vortheilhaft sein möchte, ihre Nerven und ihre oft gräßlichen Kopf- schmerzen bedürfen derselben so sehr. Wir haben in Hildesheim sonst schöne Tage verlebt, die Wohnung, Gärten und ganze Umgebung lassen nichts zu wünschen übrig, aber wie Alles im Leben unvollkommen ist, fehlt hier nun das höchste der irdischen Güter: die Gesundheit. Fritz leidet auch fabelhaft an nerwösen Kopfschmerzen, ob die kalte Wasserkur nun nachhaltiger Wirkung sein wird, scheint mir kaum; es ist für Fritz doppelt schlimm, da er sehr viel zu thun hat, und es sehr genau nimmt. Ich wünschte sehr, er bekäme bald ein Bataillon, müßte wieder practische Dienste thun, sich viel in frischer Luft bewegen, das wäre sicher für seine Gesundheit viel besser. Else ist auch die Stärkste nicht,
[page 6:]
den Kindern geht es gut. Ich weiß nicht genau, ob Du dich noch aus den Knabenjahren eines eines [roman:] Gustav Landkuhl's [/roman] erinnerst, der ist jetzt Oberst in Ingenieur=korps und steht in Cöln. Er hatte 2 Söhne die zu den schönsten Hoffnungen berechtigten. Der älteste derselben, reitet vor ungefähr 14 Tagen mit einem sehr zuverlässigen Bereiter spazieren, das Pferd scheut aber plötzlich, Feder S. stürzt, unglücklicher Weise wird das Gehirn verletzt, und nach einigen Tagen ist er todt. Der Schmerz der Eltern soll grenzen=los sein, namentlich den Sohn auf diese Weise zu verlieren - Karl Sandkuhl, der ältere Bruder von Gustav, ist vor längeren Jahren, er stand schon zum Hauptmann, auch mit dem Pferde ge=stützt und auch an den Folgen gestorben, es ist mehr wie traurig, daß sich ein so hartes Geschick zwei=mal in einer Familie wiederholen mußte. - Doch nun, meine theurer Bruder, sei heute noch herzin=nig von uns gegrüßt, Gott sei ferner mit [insertion:] Dir [/insertion], und erhalte Dich frisch und gesund. Behalte uns lieb und gedenke oft und gern
deiner
treuen, alten [underline:] Emilie. [/underline]
Hamm den 10 September 1873
Letter metadata






