Collection: Marie Hansen Taylor Correspondence
Author: Marie Hansen (Taylor)
Recipient: Lina Braun (Hansen)
Description: Letter from Marie Taylor to her mother, Lina Hansen, February 22, 1872.
Original text
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New-York, Febr. 22. 1872
Meine liebste Mutter!
Dein lieber Brief kam gestern eben noch zur rechten Zeit, um ihn heute gleich zu beantworten. Die Nachrichten die er mir brachte sind zum Theil recht betrübter Art. Nach dem was Du mir von dem guten Onkel Braun schreibst, darf ich wohl kaum hoffen, dass er noch auf Erden weilt, u. recht tief schmerzt es mich, dass seine Leiden noch so groß sein mussten. Die armen Tanten! Wie werden sie diesen Ver=lust nur ertragen. Ich fürchte die Tante Emilie wird ihm bald nach=folgen: sie hat nur für ihn so lange gelebt. Wenn ich sage "ich fürchte", so meine ich von unserm Standpunkt aus, denn für sie selbst hat das Leben keinen Werth mehr, nachdem der Onkel heimgegangen. - Dein häufiges Kopfweh kümmert mich auch recht. Ich habe es leider gefürch=tet, dass Du diesen Winter nicht gut zubringen würdest, da Deine böse Krankheit gerade zu Anfang der rauhen Jahreszeit eintrat. Wenn das Frühjahr erst kommt, dann hoffe ich aber doch, dass Du die Wirkung jener schlimmmen Wochen überwindest u. Deine Gesundheit sich
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wieder befestigt. Du musst Dir nurd im Sommer nicht zuviel zumuthen - oder vielmehr, wir" dürfen Dir nicht zuviel zumuthen. Wir müssen auf die eine oder andere Weise trachten Dir Unruhe im Hause zu ersparen u. nicht in Eure regelmäßige Haus=ordnung einbrechen: - wie das zu bewerkstelligen ist, weiß ich freilich noch nicht, allein kommt Zeit, kommt Rath. Vor allen Dingen hoffe ich, dass Du stärker u. kräftiger wirst, wie bisher. Wenn Bayard wirklich an den lieben Vater geschrieben, dass wir schon im Mai kommen würden, so muß er sich verschrieben haben, denn unsere Absicht ist von allem Anfang gewesen erst im Sommer abzureisen, u. ich hatte Dir vorigen Herbst (oder im Dezember) auch darüber geschrieben. Es wäre in der That nicht möglich früher als in der 2ten Hälfte des Juni von hier wegzufahren. So vieles ist noch zu thun u. zu ordnen, denn da wir die Absicht haben 2 Jahre in Europa zu verweilen, so müssen unsere Angelegenheiten durchaus wohl bestellt sein, ehe wir fortgehen. Sophie Schreibers Nachrichten darfst Du nicht immer für zuverlässig annehmen. Das Haus ist bis jetzt nicht vermiethet, doch haben wir Aussicht dazu. Auch kann man kaum sagen, daß Schreiber das
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Land gepachtet habe. Die Sache hängt so zusammen: Vom 1. April an be=wirthschaften der Farmer u. der Gärtner das Land auf eigene Kosten. Der Farmer sämmtliches Getreide= u. Wiesenland, der Gärtner alles Garten= u. Obstland. Für den Nutzen, welchen jeder daraus zieht, hält er das Land in gutem Zustand u. zahlt die Hälfte der Taxen, das übrige ist sein. Dieses Übereinkommen ist ein höchst vortheilhaftes für sie, doch bringt es auch uns Vortheil dadurch, dass von nun an die Kosten zur Erhaltung u. Bearbei=tung des Landes aufhören, u. wir diese nicht unbedeutende Summe zu andern Zwecken verwenden können. Ernst [?] Bod [/?], höre ich, wird als Gartenarbeiter bei Schreiber bleiben. Lilian u. ich reisten vor mehr als 8 Tagen nach Cedarcroft, langten am Abend dort an u. fanden Bayard, vom Westen zurückgekehrt, am Bahnhof uns erwartend. Unsere beiden schnellen Pferde, [roman:]Guy[/roman] u. [roman:] Lady Ellen, [/roman] brachten uns, trotz des tiefen Schmutzes der Wege in kurzer Zeit nach Hause. Dort bewillkommten uns zuerst die Hunde, welche vor Freuden in den
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Wagen zu springen trachteten, u. dann erschienen Vater u. Mutter Taylor unter dem Portiko, beide recht wohl. Becky hatte ein deliciöses Abendessen, dessen Hauptschüssel aus gedämpf=tem Huhn, mit Rahmsauce, bestand, für uns bereit, u. im Kamin der Bibliothek brannte ein großes Holzfeuer. Der nächste Tag war hauptsächlich auf nöthige Besorgun=gen verwendet, gegen Abend kam eine uns befreundete Familie u. blieb zum Thee. Den folgenden Tag, gegen Mittag, ging es wieder fort, bei recht kaltem Wetter u. um 6 Uhr waren wir wieder in unserer hiesigen Wohnung angelangt, wo das Mittagsessen auf uns wartete. Bayard hatte es theilweise recht schlimm im Westen getroffen. Das Wetter war äußerst frostig u. an einem Tag so schlimm, dass er wirklich nur eben dem Erfrieren glücklich entging. Dann war ich den einen Tag recht in Angst um ihn, da ich durch die Zeitung von einem Eisen=bahnunglück erfuhr, welches Tags zuvor in [roman:] Missouri [/roman] stattge=
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funden. Meiner Berechnung nach musste er in dem verunglückten Zug gewesen sein. Ich veranlasste unsern Freund, [roman:]Mr. Reid[/roman], Redakteur der [roman:]"Tribune"[/roman], Erkundigungen für mich einzuziehen. Er telegraphirte u. hörte so von dem Agenten der Presse dass Bayard Taylor's Name nicht bei Detaillirung des Unglücks genannt werde. Zugleich hatte ich auch direkt an Bayard telegraphirt, da ich zum Glück wusste wo er diesen Tag erwartet wurde, u. erhielt endlich am Abend spät eine Antwort von ihm selbst, die mich vollkommen beruhigte. Erst als wir uns wiedersahen erfuhr ich, dass er allerdings in jenem Zug gewesen sein würde, hätte er kurz vorher nicht eine Veränderung in seinem ursprünglichen Plan erfahren, die ihm zur Zeit ganz ärgerlich war, ihn aber in der That vor Unglück bewahrte. Gott sei gelobt! Für Eure beiden lieben Geburtstagsbriefe lässt er Euch herz=lich danken. Sie haben ihn bei seiner Rückkehr sehr erfreut. Lilian ist recht wohl u. freut
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sich ihres Lebens. Vorige Woche war sie in einer netten kleinen Abendgesellschaft, bei einer uns nahe befreundeten Familie, die zur Feier des 17ten Geburtstags des ältesten Sohns gegeben wurde. Sie kam sehr vergnügt um 11 Uhr zurück. Sie hat überhaupt diesen Winter einen sehr netten kleinen Kreis von Gefährten u. die Gymnastik=Stunde, zweimal die Woche, hilft diese hübsche Ge=selligkeit zu vermehren, da es uns gute Bekannte sind, die [insertion:]sich[/insertion] dabei betheiligten. sind In der an=dern Unterrichtsstunde bleiben die Fortschritte sich gleich. In der Musik leistet sie weit mehr, als ich geglaubt hätte. Sie fängt wirklich an Interesse daran zu gewinnen. Ihre deutsche Lehrerin ist recht mit ihr zufrieden. Ich wollte Du könn=test ihren letzten Aufsatz lesen: "Das Lied von der Gudrun"; sie hat diesen altdeutschen Sagenstoff recht hübsch, nach dem freien Vortrag von Frl. Bender, wiedergegeben. Dass Dir unser Plan in Bezug auf Lilian's Schulbildung nicht gefällt, ist mir sehr leid, liebe Mutter. Wir haben dabei aber doch nur Lilian's Wohl im Auge, u. haben
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uns erst dann entschlossen sie in eine Pension zu thun, nachdem wir eingesehen, daß es heilsam für sie sein wird. Es ist ja mög=lich daß wir uns darin irren, denn Irren ist menschlich, allein solange man eine Überzeugung hat, soll man ihr gemäß handeln. Gerade weil Lilian ein einziges Kind ist, wird es gut für ihre Entwicklung sein mit andern Mädchen ihres Alters in nähern u. tagtäglichen Verkehr zu sein. Auch würde ich sie natürlich nicht in jede Pension thun: - ich bin nicht so leicht zufrieden zu stellen, denn ich habe meine eigenen Ansichten über Unterricht u. Bildung, u. werde eine vorsich=tige Auswahl treffen. Lilian selbst wünscht in eine Pension zu kommen, sie denkt es sich so schön mit vielen Mädchen zu=sammen zu leben, u. wenn sie sich auch Illusionen darüber machen sollte, so ist es doch schon viel gewonnen, da sie mit Lust geht. Es wird mir schwer genug werden mich von ihr zu trennen, u. ich weiß noch gar nicht wie ich es ertragen werde, allein ich zwinge mich dazu, weil ich
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es für das beste halte.
Kurz vor Deinem lieben Brief, erhielt ich einen von der guten Tante Auguste u. von Wilhelm's Ida. Beide erfreuten mich sehr u. beiden danke einstweilen in meinem Namen. An [roman:]Eva W[/roman] werde ich die Bestellung ausrichten. Sei aber so gut u. frage Wilhelm, wenn er glücklich von England zurück ist, was er denn für einen "Eisenagenten" meine, den ich ihm zuweisen soll? Meint er einen Agenten zur Lieferung von Roheisen? oder einen Agenten zur Übernahme von Eisen? Er soll mir lieber selbst ein paar Worte zur Erklärung schreiben. Auch für Übersendung der Recension besten Dank. Seit seiner Rückkehr hat Bayard ein sehr bedeu=tendes längeres Gedicht geschrieben, welches er sofort in einem kleinen Band herausgeben wird. Ich wollte Ihr könntet es lesen. Es ist das Bedeutendste was er je geschaffen hat - groß=artig in Gedanken u. pathetisch in der Ausführung. Es heißt "The Mask of the Gods" (Die Maske
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3/ der Götter). Er war so von dem Gegenstand besessen, dass er von früh bis spät für nichts andres Sinn hatte, u. ich war wirklich froh, als die Schöpfung vollendet auf dem Papier stand. - Wir haben auch hier unter unsern Freunden einige Krankheits=fälle, die uns nahe angehen, besonders schweben wir in großer Besorgniß um einen sehr lieben Freund, einen Maler, welcher an einer Lungenentzündung schwer krank liegt. Dieser Winter ist ein böser für viele. Die sehr heftigen Witterungswechsel, welche immer wieder eintreten, üben eine höchst nachtheilige Wirkung aus. Grippe, Husten, Lungenentzündungen sind an der Tagesordnung. Ich selbst hatte einen leichten Grippe-Anfall ehe ich nach Cedarcroft ging u. seitdem führt sich mein Magen nicht so gut auf wie seither. Von Annie, aus Lausanne, hören wir auch schon seit einiger Zeit von nichts als Kranksein. Erst war das jüngste Kind längere Zeit krank an einem eigenthümlich entzündeten Hals u. jetzt ist [roman:] Charles [/roman] so elend, dass
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Annie recht besorgt schreibt. Sein Übel scheint allgemeine Hinfällig= keit zu sein, der bis jetzt noch kein Mittel hat beikommen können.
Vor etwa 8 Tagen kam ein Brief an Bayard von [roman:]Prof. Safford[/roman] aus [roman:] Chicago [/roman], worin er für Zusendung der Abhandlungen des lieben Vaters dankt. Er schreibt, daß beide Abhandlungen gerade jetzt von großem praktischen Interesse für ihn wären, da er eben mit Landesvermessung beschäftigt [strikethrough:] sei [/strikethrough] u. seine Bibliothek im Fache der "Geodesy" sehr beschränkt sei.
Bayard u. Lilian senden beide die herzlichsten Grüße. Deine nächsten Briefe adressire mir wieder nach Kennett. Es warten unserer dort so viele Geschäfte, daß wir Mitte März wohl dort zurück sein werden. Grüße auch von mir recht herzlich den lieben Vater u. alle andern Lieben - die armen Tanten Braun! u. daß der arme Onkel noch so hat leiden müssen! Ich gäbe viel darum, wüsste ich wie alles steht. Möchten Deine bösen Kopfweh, liebe Mutter, recht bald besser werden;
[page 10 (sheet 6), left margin:] Der Himmel schütze u. behüte Euch allesammt! Deine [/page 10, left margin]
[page 10 (sheet 6), right margin:] Dich innig liebende Tochter Marie. [/page 10, right margin]
Letter metadata






