Collection: Hinrichs Family Letters
Author: E. Leifert
Recipient: Wesselina von Koten (Hinrichs)
Description: Letter from E. Leifert to Wesselina Hinrichs, October 27, 1874. Leifert was the husband of Hinrichs' niece (a daughter of her recently deceased brother, Wessel van Koten).
Original text
Bremen, d 27. Oct. 1874.
Verehrte Tante!
Heute habe ich leider ein sehr trauriges Er- eigniß zu berichten! Der unerbittliche Tod hat mit seiner eisigen gewuchtigen Hand unserer Mutter den Mann, uns den Vater u Ihnen den opferfreudigen Bruder hinweg- gerafft. Wie unendlich tief u schwer uns die ser harte Schlag des Himmels trifft, in Worte zu kleiden, vermag ich nicht, wird aber auch wohl nicht nöthig sein, da Sie ja mit uns leiden u besser wissen, wie ich es Ihnen schreiben kann, was Sie durch Vaters Tod verlieren; hat der selbe doch durch seine eiserne Willenskraft und mit opferbereiter Hand u Zähigkeit sein gan- zes Vermögen daran gesetzt, Ihnen Ihre begründeten Rechte am Fideicommiß durch zahllose Processe hindurchgeführt u Ihren Le- bens-Abend dadurch gegen Nahrungssorgen geschützt. Nur ein voll u. ganz mit inni ger Bruderliebe begabter Mensch konnte so handeln u. unbekümmert darum, daß er die Seinigen vielleicht in der bittersten Noth zurücklassen müsse, so für seine Schwe- ster streben. Sie werden deßhalb das An- denken des geliebten Todten eben so sehr in Ehren halten, wie wir u. das zu frühe Ableben desselben eben so schmerzlich be- trauern, wie wir. Drum darf ich mich des weiteren Beschreibens unseres tiefen Schmerzes enthalten u. damit Ruhe seiner Asche gönnen. Möge die Erde ihm leicht u die Ruhe nach dem unendlich vielfachen Mißgeschick des Erdenlebens ihm gegönnt sein.
So unendlich schwer u tief die uns betroffene
[page 1, left margin:]
Es thut mir unendlich leid, daß dieses Mal so bedeutende Kosten von Ihrem Guthaben abgehen! Uebrigens werden im nächsten Monat --- 21 r 20 s Zinsen fällig, die nicht eher erhoben werden können, bis Sie wieder geschrieben bezw. Vollmacht eingesandt haben.
[/page 1, left margin]
[page 2:]
Wunde uns auch niederbeugt, so ist doch Ein´s unse rer Aller u auch des Dahingeschiedenen Trost gewesen, nämlich, daß er wenigstens nicht von seiner Schwester verkannt abberufen ist, sondern noch durch Ihr letztes Schreiben völlig aufgerich tet u im hohen Grade dadurch beglückt, die zusicherung Ihres ganzen Vertrauens empfangen hat. Die Freude über Ihren letzten Brief war unendlich groß für unseren dahin gerafften Vater u darum mir wohl erlassen, solche des Näheren noch zu schildern. Sie wissen ja, wenigstens habe ich es Ihnen nicht verschwiegen, daß Vater an seinem Lebensabend mit bitteren Sorgen zu kämpfen hatte u schwer für seine aufopfernde Liebe durch Ihr Mißtrauen gekränkt wurde u werden sich deßhalb auch die außerordentliche Freude bei dem Empfange Ihres letzten Briefes denken können. Wenn Ihnen von irgend einer anderen Seite von Wohlleben Vaters geschrieben oder gesagt, so sind das die schwärzesten Lügen gehässiger u characterloser Menschen. Ich habe z. B. einen nicht unbedeutenden Theil der Miethe für Vaters Wohnung bezahlt, was er wahrlich nicht gelitten haben würde, wenn er zur Zahlung selbst im Stande gewesen. Ich bemerke ausdrücklich, daß ich letzteres nicht erwähnt haben würde, wenn nicht in Ihrem vorletzten Briefe angedeutet wäre, daß Vater in Ueberfluß leben solle. Doch damit genug über die jetzt gottlob beseitigten Mißhelligkeiten zwischen Bruder u Schwester u jetzt zum geschäftlichen Inhalte Ihres letzten Briefes.
H. Abbes hat jetzt auf Grund Ihres letzten Briefes u wahrscheinlich bei ihm eingegangenener Nachrichten des Consuls Barth zu St. Louis sich mit der Nieder legung des Processes für den Fall einverstanden erklärt, daß ihm sofort die Kosten erstattet wür den. da Sie letzteres in Ihrem Schreiben wünschten, so habe ich gestern sofort die sämtlichen Kosten an Abbes beziehungsweise dessen Anwälten bezahlt u sende Ihnen nunmehr anliegend Abrechnung
[page 3:]
über Ihre Einkünfte aus dem letztverflossenen Halbjahre, wonach Sie noch einen Betrag von 110 r 5 g 4 d, der in anl. Wechsel hierneben erfolgt zu empfangen haben. Es kommen die gesammten Aufkünfte des letzten Halbjahrs deßhalb ohne jeden Abzug für Reparatur- pp Kosten zur Vertheilung, weil es gelungen ist, bei den jetzt auf 3 Jahre erneuerten Pachtvertrags Abschlüssen die Reparatur- pp Kosten für die bekanntlich sehr baufälligen Gebäude, die sich immer sehr hoch beliefen, den Pächtern mit auf zuerlegen, so daß jetzt nicht immer hunderte von Thalern durch die Pächter in Abzug gebracht werden können. Sie haben demnach für die Folge auch keine Abzüge mehr zu erleiden u daher jährlich etwa 500 r zu erwarten, wenn nicht, wie leider noch bei anl. Abrechnung der Fall unvorherzusehene Kosten ihrerseits verursacht werden. Im vorletzten Halbjahr waren die Reparaturkosten pp so bedeutend, daß nur jeder 119 r u einige Groschen erhielt, während Sie von Vater 75 r u 100 r zusammen 175 r erhalten haben.
Was nun das weitere Verhältniß anbetrifft, so wird durch Vaters Tod an der Sache selbst nichts geändert, weil nach einem zwischen Vater u seinen Geschwistern also auch mit Ihnen geschlossenen Protokollar-Vertrage ihm oder seinen Erben ein Drittheil an den im Proceßwege erstrittenen Einkünften vom Fideicommiß zugesichert sind u auf Grund dieser Zusicherung auch der Vergleich mit Rubien in Herford abgeschlossen ist. Sie würden also nach wie vor immer ein Drittheil von den Fideicommiß fortbeziehen. Nur finde ich in dem btr. Vergleichs-Vertrage die Bestimmung, daß die Verwaltung des Fideicommisses u Rechnungs- Ablegung nach Vaters Tode an H. Rubien in Herford übergehen solle. Ich erlaube mir nun die Anfrage, ob ich die btr. Papiere an H. Rubien abgeben soll. Falls Sie solches etwa nicht wünschen sollten u vielleicht lieber sehen, daß ich oder mein Schwager Penning zu Ihrer besserer Sicherung die Verwaltung in Händen behalten, so würden Sie schleu-
[page 4:]
nigst eine dahin lautende Vollmacht ausstellen müssen. Selbstverständlich ist sowohl Penning als auch gern bereit, die Verwaltung des Fideicommisses, falls Sie solches wünschen, fortzuführen - die Vollmacht müßte indeß sofort übersandt werden, weil der Pächter Schmidt auf seinen Antrag von Vater von seinem auf 3 Jahre lautenden Pachtvertrag entbunden worden ist u dessen Platz jetzt schleunigst u zwar öffentlich zu verpachten sein würde. Ich habe Vater zur Ent- Bindung des p. Schmidt vom Pachtverhältnisse zugeredet, weil ich bestimmt glaube, daß durch eine öffentliche Verpachtung ein bedeutend höheres Pachtgeld erzielt wird; auch nach Ablauf der andern Pachtverträge möchte sich eine öffentliche Verpachtung der Plätze empfehlen, da gewiß mehr aufkommen wird als jetzt, wo so wenig bislang hat vertheilt werden können.
Schließlich bitte ich noch, H. Notar Janson, wenn Sie etwa zu demselben kommen sollten, mittheilen zu wollen, daß ich vornehmlich deshalb seine Mittheilungen nicht zu beantworten u zu erledigen vermocht, weil ich erst seit wenigen tagen in den Besitz der gegnerischen Rechnungen gelangt sei, während deren schleunigste Zustellung mir bereits im Monat August zugesichert worden war. Außerdem war ich durch längere dienstliche Abwesenheiten u. überhäufte Dienstgeschäfte am früheren Schreiben verhindert; ich hoffe indeß ehestens H. Notar Janson ausführlich schreiben zu können.
Die herzlichsten Grüße von uns Allen beifügend, sehe ich Ihrer schleunigsten Antwort [???] Vollmacht entgegen, da die Verpachtung des Schmidtschen Platzes drüngt wegen der noch diesem Herbst vorzunehmenden Beackerung der Grundstücke. Nächstes Mal mehr. Nochmals die herzlichsten Grüße
Ihres ergebenen
E Leifert Eis. Betr. Secr.
Düsternstr. 31H
[page 4, lower left margin:]
P. S.
Vater war, wie ich Ihnen derzeit schrieb, im vori gen Herbste recht ernstlich krank u ist seitdem, wenn auch etwas gebessert, immer hinfällig gewesen, bis er kurze Zeit vor seinem Tode bettlägerig wurde u dann still u sanft
[/page 4, lower-left margin]
[page 4, center-left margin:]
hinübergegangen ist. Letzteres gründet sich wohl mit auf den Inhalt Ihres letzten Schreiben, welches Vater sehr erfreute, ja beglückte.
D O.
[/page 4, center-left margin]
Letter metadata




