Collection: Crede Family Papers
Author:
Recipient: Hermann Carl Crede
Description: Letter to Hermann Crede from his family, June 23, 1872. The first part of the letter is written by his father, Heinrich Carl Crede; the second part by his mother, Clothilde Crede; and the third part by his sister, Adelheid Crede Stock.
Original text
[roman:] Cassel, [/roman] am [roman:] 23t. Juni 1872. [/roman]
Mein lieber Hermann! Dein Schreiben vom [roman:] 29t. April c. [roman], was wir rechtzeitig erhielten, hat mich [underline:] außerordentlich [/underline] erfreut, indem ich wiederholt daraus entnehme, wie sehr Du die Achtung u. das Vertrauen Deiner Mitbürger genießest, da man Dir neuerdings durch Uebertragung des Amtes eines öffentlichen Notars einen vollständigen Beweis [insertion:] dafür [/insertion] geliefert hat. Ich sollte denken, daß diese Stelle auch lucrativ sein oder doch mit der Zeit werden müsse, um so mehr, als Du im Besitze der SteuerCataster u. Karten bist, woraus doch bei allen An- u. Verkäufen von Grundbesitz beglaubigte Auszüge erforderlich sein werden.- Mit großer Freude ersehe ich aus Deinem lieben Briefe, daß Ihr den letzten langen Winter gesund zurückgelegt habt, wie Du aus meinem letzten Schreiben ersehen haben wirst_ was mit dem Deinigen gekreuzt hat-, war es leider bei uns nicht so, da unsere liebe [roman:] Adelheid [/roman] einige Zeit nach ihrer Niederkunft in großer Lebensgefahr schwebte, indeß befindet sie sich _ Dank der liebevollen Sorgfalt u. Pflege von ihrer Mutter, jetzt wieder recht wohl u. hat sich seit letzter Zeit zum Erstaunen schnell erholt. Das kleine Mädchen ist eine prächtiges Ding, was unsere größte Freude ist._ Von [roman:] Wilhelm [/roman] erhielt ich einen Brief [underline:] vor [/underline] seinem Umzuge u. ersehe nun zu meinem Vergnügen, daß solcher vollendet u. Du ihm dabei Hülfe geleistet, die ihm sicher sehr willkommen war. Daß [roman:] Wilhelm [/roman] _ Deiner Ansicht nach einen guten Kauf gethan gereicht mir zur großen Beruhigung, indem es mich zur Hoffnung beruhigt, daß er mit den Seinen ein gutes Auskommen haben wird. Mit den Gebäuden_ die in keinem guten Stande sind, wird es indeß seine Schwierigkeiten haben, bis [roman:] W [/roman] solche dahin bringen kann, das das Bauen sehr kostspielig ist &. der Farmer seine Producte _ wie ich aus Deinem Schreiben ersehe-, so zu sagen verschleudern muß. Hier steigern sich die Preise aller Lebensbedürfnisse noch fortwährend _ z.B. Wurst u. Schinken = 2 ℔ für = 1 rt._. Ich hoffe Dir die Nachricht von einer BesoldungsVerbesserung, zu der ich dem FinanzMinister empfohlen war, mitzutheilen zu können, leider aber ist die Zulage für unsere ganze Behörde abgelehnt worden -, während die Beamten der übrigen Staatsbehörden _ in Rücksicht auf die enorme Theurung - höhere Gehalte erhalten haben. Ich habe ja gegenwärtig mein Auskommen u. kann den Fall nur deshalb beklagen, weil ich dadurch gehindert bin, für die Meinigen noch so zu sorgen, wie es mir so sehr am Herzen liegt. Doch gebe ich die Sache noch nicht ganz auf u. hoffe, daß sich der Kaiser, an den sich viele über die Zurücksetzung gegen andere Staatsbeamte beklagt haben, für die Sache interessiren wird._ Die ErnteAussichten verlauten überall gut, nur haben starke Wolkenbrüche in Süddeutschland viel Verherungen angerichtet. _ Mag die Ente auch gut ausgefallen, die hohen Preise behalten wir doch, was die Erfahrung schon bewiesen hat. _ Cassel wird Weltstadt, der damit verbundene Schwindel ist bereits nach jeder Richtung hin eingekehrt. Allerdings hat sich die Stadt sehr erweitert durch die Anlagen neuer Straßen u. sehr viele Bauten u. ist man jetzt damit im besten Zuge, trotzdem werden die Mietwohnungen täglich theurer. Nach der neuesten Volkszählung hat Cassel seit 1866 an 6000 Seelen Zugang gehabt, auch ist der Zugang an öffentlichen Vergnügungsorten u. Wirthschaften [insertion:] / 42000 / [/insertion] nicht zurückgeblieben. Ungeachtet der theuren Zeit strebt Alles nach Vergnügen u. wird hierbei keine Noth ersichtlich, natürlich muß der Beamtenstand das beste hierzu leisten, denn jeder Handwerken p. läßt sich gegen früher das dreifache bezahlen, ich hoffe indeß, das der Höhepunkt bald erreicht ist._ Aus den Zeitungen wirst Du wohl ersehen haben, wie die Jesuiten u. Pfaffen dem deutschen Reiche zu schaffen machen u. mit welcher Brutalität dies Gesindel auftritt, doch ist im Reichstage jetzt ein Gesetz gegen die Jesuiten u. ein neues Schulgesetz - was die Schule von der Kirche trennt_
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Wie ich aus Deinem Schreiben ersehe, hast Du Deinen Besuch hierher auf einige Jahre hinaus geschoben, was uns recht schmerzlich ist, um so mehr, da wir uns der Hoffnung hingaben, Dich wohl am Schlusse d. J. oder doch spätestens im künftigen Jahre bei uns zu sehen-, doch müssen wir uns in das Unabänderliche fügen u. dürfen wir das Vertrauen zu Dir hegen, daß Du uns die Lebensfreude Dich einmal bei uns zu sehen, sobald es Deine Verhältnisse gestatten, nicht versagen wirst. Könntest Du dadurch Deinen [roman:] Carl [/roman] _ u. wenn nicht diesen, da er wohl in Deiner Abwesenheit den Farm wird verwalten müssen, einen anderen von Deinen Söhnen mitbringen, so würde dies - wenn möglich unsere Freude noch erhöhen.- Wie oft wünsche ich in meinem Herzen, könnte ich doch von meinem Tode Dich u. [roman:] Wilhelm [/roman] im Kreise Eurer Familie sehen-, doch ist dies ein frommer Wunsch der nie in Erfüllung gehen wird!_ Da an eine Uebersiedelung nach dort mit Familie jetzt nicht mehr rathsam erscheinen dürfte_. Du glaubst nicht lieber [roman:] Hermann [/roman] wie sehr es mich erfreut, aus Deinem Briefe zu entnehmen, daß [roman:] Carl [/roman] so ein braver Junge ist, möge er ferner in die Fußtapfen seines Vaters treten, dann werdet Ihr noch viel Freude an ihm erleben. Der Eltern [underline:] größtes [/underline] Glück sind brave Kinder! Grüße mir [roman:] Carl [/roman] herzlich u. sage ihm, daß ich mit nächsten einen Brief von ihm erwarte, den er mir schon so lange in Aussicht gestellt hat.- Deine Schwester [roman:] Therese [/roman] ist vor einigen Tagen zu den Verwandten Deiner guten Mutter nach [roman:] Westphalen [/roman] gereist u. wird wohl 2 Monate dort zubringen-, sie ist etwas schwächlich u. hoffe ich, daß diese Veränderung des Orts vortheilhaft auf ihre Gesundheit einwirken soll. [roman:] Therese [/roman] läßt Euch Alle herzlich grüßen u. wird Dir alsbald nach ihrer Rückkehr schreiben. In [roman:] Kaufungen [/roman] bin ich seit vergangenen Winter nicht gewesen, indem ich mit Arbeiten so überhäuft bin, daß ich selbst die Sonn- u. Ferienlager auf meinem [roman:] Bureaux [/roman] zubringe. Durch die Umgestaltung der Verhältnisse bin ich genötigt, über flüssige Acten auszuscheiden u. meine Ripositur neu einzurichten, womit ich im Mai v. J. begonnen, aber sicher noch 1 1/2 Jahr zu thun habe. Meinen Nachfolger bereite ich dadurch ein gutes Bett, da derselbe dann für seine Lebenszeit ein solche Arbeit nicht vorzunehmen nötig hat. Für meine Leistungen, die anerkannt werden, hoffe ich denn auch am Schlusse eine ansehnliche Gratification zu erhalten._ Von [roman:] Adelheid [/roman] brauche ich Dir nicht zu schreiben, da sie dies selbst thun wird, auch Deine gute Mutter wird einige Zeilen hier beifügen:- Seit meinem letzten Schreiben hat sich bei uns nichts Besonderes ereignet und will ich für jetzt mit der gewöhnlichen ebenso herzlichen als dringenden Bitte schließen, daß Du uns [underline:] recht, recht [/underline] bald Nachricht von Euch Allen gibst und [underline *2:] öfter [/underline *2] als bisher schreibst, da es ja unsere größte Freude ist zu hören, wenn es Euch gut geht. Lebe recht wohl mit den lieben Deinigen mein guter [roman:] Hermann [/roman] u. gedenke in Liebe
Deines treuen Vaters.
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Mein lieber guter Hermann! Auch ich sage Dir mein besten Dank für Dein liebe Brief ach Du kanst gar nicht begreifen wie groß unsere Freude ist einen so guten Brief wie Dein letzter ist zu erhalten gewiß Du würdest uns öfter die Freude bereiten bitt tuhe es doch von jetzt an, wir haben ja so wenig lebens Freude gehabt u dieses leben ist so kurz das man alles aufbieten muß den die man liebt zu erfreuen, auch ich möcht Dich u Dein prächtig Jungs, 6 den prächtig Junge müssen es sein da Du Ihr Vater auch ein so prächtig Jung warst / nur noch mal an mein Herze drücken ach wie glücklich würde ich sein wenn ich
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Kassel mit Euren Farm vertausche könte, daß der liebe Karl ein so guter Jung ist gereicht mir zu groß Freud, gib allen 4 in mein Nahm ein herzlich Kuß, Auch Adelheits Töchtegen welches Clothid. heist mach uns recht wohl trotzdem auch ich in Adelheits Krankheit viel mit durch gemacht habe, auch Adelheit wahr recht sehr krank ich bin 7 Wochen nich aus den Kleiden gekom aber jetz geht es wiede recht gut, daß Du bei Wilhelm gewesen bist u Du sein haus auch gut findest ist mir sehr lieb ich möcht imm von Euch höhre u Dir jemengt Kleinigkeit von Euch zu höhn ist für mich von groß Interesse. Mein lieber Hermann schreib bald wiede küsse mir Dein Liebe John Wiel u Adolph un behalt lie
Deine Dich liebende Mutter
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Liebster [roman:] Hermann! [/roman]
Von ganzem Herzen freut es mich, daß es die Zeit her, Euch Lieben wohl und munter ergangen ist. Von mir könnte ich es nicht sagen, mir hat es sehr schlecht [insertion:] gegangen [/insertion] , ich wollte doch lieber sterben, als noch einmal die furchtbaren sieben Wochen durchmachen. Ich war nach der Geburt meines lieben Kindes sehr krank, daß ich zweimal schon wie mann zu sagen pflegt, mit einem Fuß im Grabe gestanden habe. Aber Dank dem lieben Gott und unserer liebsten Mama, bin ich jetzt wieder recht wohl. Du kannst Dir gar nicht denken mit welcher Liebe und Aufopferung ich gepflegt worden bin, Mama war ganz bei mir, Papa war aber schon um sechs Uhr früh bei mir und sah wie es mir die Nacht gegangen hatte, dann ging er auf das Kolleg und die übrige freihe Zeit brachte er dann wieder bei mir zu bis spät Abends so auch unsere liebe Therese. hätte ich die Pflege nicht gehabt, dann könnte ich gewiß Dir jetzt nicht mehr schreiben. Desto größeren Ersatz für all das Ausgestandene giebt uns unsere herzige Clothilde, sie wird von allen Seiten gehätschelt und der Großpapa und Großmama sind
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sind rein vernarrt in das kleine Ding. Sie wird aber auch alle Tage lieber, [roman:] Puppi [/roman] lacht so reizend und kann auch schon wunderschön schwäbeln. Seid sechs Wochen bin ich mit unserer kleinen Maus ganz bei unseren lieben Eltern, weil in unserem Haus der Stickhusten[1] ist und wir Alle Angst haben unser Kind könnte ihn auch bekommen deßhalb mußten wir gleich hier heraus ziehen. Mein lieber Mann kommt dann des Mittag und Abends zudem Essen hier her und Nachts schläft er an unseren Lager. Er läßt Euch Alle herzlichst Grüßen. Auch ich könnte mir kaum größere Freude denken, wenn wir Alle einmal zusammen sein könnten. Hoffentlich wirst Du bald einmal kommen und dann einen von Deinen Jungen mitbringen. Lebe wohl liebster Bruder, Grüße und küsse Deine Lieben recht herzlich und sei auch Du gegrüßt und geküßt von
Deiner Dich liebende [roman:] Adelheid [/roman]
Anmerkungen
- ^ "Stickhusten" = "Keuchhusten"
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