Collection: Crede Family Papers
Author:
Recipient: Hermann Carl Crede
Description: Letter to Hermann Crede from his family, June 29, 1873. The first part of the letter is written by his father, Heinrich Carl Crede; the second part by his mother, Clothilde Crede; and the third part by his sister, Therese Crede Winhold.
Original text
[roman:] Cassel am 29t. Juni 1873. [/roman]
Mein lieber [roman:] Hermann! [/roman]
Mit vieler Freude haben wir Dein Schreiben vom [roman:] 14t. März c. [/roman] erhalten, nachdem wir [underline:] fast ein ganzes Jahr [/underline] / von [roman] April 1872 [/roman] / ohne direkte Nachrichten von Dir geblieben, was uns recht oft tief bekümmert hat; diese schwere Versäumniß kannst Du nur dadurch wieder gut machen, daß Du uns für die Folge öfters mittheilst, wie es Euch Allen geht. Veranlaßt durch Dein langes Schweigen kamen wir auf den Gedanken, Du würdest uns eines schönen Tages mit Deinem Besuch überraschen, doch scheint sich dies noch nicht sobald realisiren zu wollen, obgleich es unsere [underline:] größte [/underline] Lebensfreude sein würde._ Von Allem nun unseren herzlichsten Glückwünsche zu dem neuen Ankömmling Nr. 5-, wieder ein Junge-, es dürfte nun aber bald die Reihe an die Mädchen kommen, damit sich Deine Frau auch eine Aussicht auf eine demnächstige Hülfe für ihr Hauswesen eröffnete. Mögen Euch Eure Kinder nur [underline:] gesund u. brav [/underline] erhalten bleiben, dann werdet Ihr - neben der bedeutenden Hülfe die sie nun [insertion: theilweise [/insertion] bald Euch leisten können, auch viel Freude an Ihnen erleben.- [roman:] Carl [/roman] hat mir schon seit lange einen Brief in Aussicht gestellt, der aber bis heute noch nicht eingetroffen ist, ich freue mich nun, daß die drei ältesten Bursche zusammen schreiben wollen, hoffe aber auch, daß sie dieses recht bald thun werden._ Unendlich erfreut es uns, daß Du durch die neue Wahl wieder in Deinem Amte verblieben bist, was uns einen wiederholten Beweis abgibt, wie sehr Du Dir die Achtung u. das Vertrauen Deiner Mitbürger erworben hast; außerdem ist aber auch ein sicheres Uebereinkommen, namentlich wenn die Ernte ungünstig ausfällt, nicht zu unterschätzen._ Ich bin mit meinem jetzigen Dienstverhältniß recht zufrieden, da ich eine selbstständige Stellung habe u. mit meinem Ein
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Einkommen von über 1100 rt / unseren bescheidenen Ansprüchen überall gerecht werden kann, außerdem glaube ich sicher annehmen zu dürfen, daß mir vom [roman:] 1. Januar d. J. [/roman] an ein WohnungsZuschuß von ca 150 rt. jährlich nachbewilligt werden wird._ Unter diesen Verhältnissen würden wir etwas Erhebliches ersparen können, wenn nicht [underline:] alle [/underline] Lebensbedürfnisse eine nie dagewesene Steigerung erlitten hätten, man kann - ohne Uebertreibung - sagen, es kostet gegen früher Alles das Doppelte, vieles sogar das Dreifache; so z. B. hatten wir früher / länger als 30 Jahre / eine geräumige Wohnung für jährlich ≈ 30 rt /: [insertion:] bis 40 rt [/insertion] /: - jetzt zahlen wir für eine ziemlich beschränkte = 160 rt. - Das neue Steigen der Mietpreise hat lediglich seinen Grund in dem Gesetz der Freizügigkeit, da jetzt sich Alles nach den größeren Städten zieht, wo der Schwindel seine Stätte aufgeschlagen hat._ Die Stadt Cassel hat sich in den 7 Jahren, wo wir preussisch sind - ganz außerordentlich vergrößert, überall wo man hinblickt _ Neubauten, vom Ständeplatz nach [roman:] Wilhelmshöhe [/roman] hin - neben der Callnischen Allee -, erhebt sich ein neues Stadtviertel, wo nur Prachtbauten ausgeführt werden u. dennoch sind Wohnungen schwer zu beschaffen, indessen hoffe ich, daß dieser Zustand nicht lange mehr anhalten wird u. schließlich die Häuserspeculanten einen gehörigen Treff bekommen, auch die Hausbesitzer dann mit ihrer jetzigen Brutalität einpacken können._ Kassel hat jetzt ca 44000 Einwohner - Zugang in den letzten 7 Jahren an ca 8000 Seelen -, gibt schlieslich noch Weltstadt-, Qrellstadt ist es bereits_._ Von [roman:] Wilhelm [/roman] erhielten wir Nachricht am Schlusse v. J., die eine große Mißstimmung bekundeten, namentlich klagte derselbe über schlechte Ernte u. sonstige Verluste, so daß es ihm leid scheint, den Platz gekauft zu haben, was uns recht betrübt hat, doch scheint er - nach seinem letzten Schreiben vom [roman:] 11t. Mai c. [/roman] wieder besseren Muthes zu sein. Was mich sehr bekümmert, das sind seine schlechten Gebräuchlichkeiten -, zu deren Herstellung bzws. Erneuerung er die nöthigen Mittel wohl nicht besitzen wird; wie von ganzem
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ganzem Herzen gern würde ich ihm helfen, wenn es meine finanziellen Verhältnisse nur einigermaßen gestatteten.- Du bist nun kürzlich bei [roman:] Wilhelm [/roman] gewesen u. wirst mir einen Gefallen thun, wenn Du mir über dessen Lage ausführlich schreibst. Du schreibst von bösen Krankheiten die in eurer Gegend vorkommen, was uns recht beunruhigt, möge Euch der Himmel vor allem Uebel behüten. Die bösartigen Blattern haben sich auch hier seit Jahr u. Tag schon eingestellt, so daß einige BlatterKrankenhäuser auf dem Forste erbaut werden mußten; indeß ist die Krankheit bisher nur sehr mäßig aufgetreten._ Unser politische Horizont wird gegenwärtig noch durch die scheußlichen Pfaffenwühlereien etwas getrübt, indeß hat ein Reichsgesetz die Jesuiten aus Deutschland bereits vertrieben u. dem übrigen Pfaffenvolk, was herrschen will, die Flügel bedeutend gestumpft!_ Außerdem spielen auch die Arbeiter jetzt eine Hauptrolle, die Löhne der Handwerksgesellen betragen jetzt schon 1 1/2 rt. u. mehr täglich u. wollen die Meister nicht wie die Gesellen, so stellen Letztere ihre Arbeiten sofort ein; doch wird auch diese Kalamität durch ein Reichsgesetz bald geregelt werden._ Von unseren Verwandten u. Bekannten vermag ich Dir nicht viel mitzutheilen_, Deiner Tante [roman:] Louise [/roman] gehts soviel ich weiß gut-, sie hat keine große Anhänglichkeit an unsere Familie, was ich zwar bedaure, aber nicht ändern kann, ich habe ihr niemals Veranlassung zur Unzufriedenheit gegeben-, sie ist halt - wie man sagt-, eine alte Jungfer, die ihre großen Eigenheiten hat.- In der Hoffnung bald wieder von Dir zu hören u. wo Du uns mittheilen wirst, daß wir Deinen Besuch in nicht zu weiter Ferne erwarten dürfen, verbleibe ich unter den besten Wünschen für Euer Aller Wohlergehen Dein treuer Vater.
Die angekündigten Zeitungen sind bis jetzt noch [underline:] nicht [/underline] eingetroffen - wahrscheinlich also verloren gegangen._ / Lieber [roman:] Hermann! [/roman] Bei der größeren Dimension die unsere Familie anzunehmen beginnt, beabsichtige ich einen Stammbaum anzufertigen u. bitte Dich mir zu dem Ende die Namen Deiner Frau u. Kinder sowie die Geburtstage u. Orte in Deinem nächsten Schreiben, das, wie ich hoffen darf, recht bald eintreffen wird, mitzutheilen.-
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Mein innig geliebter Hermann! Recht lange hast Du uns auf nachricht von Dir gelassen u ich macht mir die größten Sorgen ich glaubt Dich krank u ehlend durch Dein viele Arbeit ist doch wirklich kein Grund uns 1 Jahr ohne Nachricht zu lassen, ich bitt Dich mache es nicht wieder so [insertion:] [?] zumahl [?] [/insertion] es ist ja die einzig Freude die Du uns mache kannst, u wie lange wirst Du noch an uns schreiben können den der Vater ist 62 J u ich 59 da haben wir nicht viel mehr zu erwart also was geschehen soll muß jetz geschehen._ Zu der Geburt Deines 5 Sohnes /mach er Herm oder [?] Bubl [?] heisen ist mein lieb zu Ihm gleig do bitt schreib wie Er getauft ist damit ich Seinen Nahmen auch in mein Gebet mit einschliesen kann / sage ich Euch die besten GlückWünsche möge Er Euch zum Glück u Freud u heran wachsen u ein trost und stütze im Alter sein, es scheint Ihr hatt die Söhn u Wh: die Töchter, doch auch Ihr werde Töcht. wen auch Schwiegertocht bekomm man kan auch daran schon denk de Karl ist nun schon 14 Jahre alt ach ich macht do nur einmahl Euch mit Euer ganz Fami sehen. Doch daß ist ein Wunsch der nie zur Warheit wird. Daß Du wieder auf weitere 2 Jahr zu Deinem jetzig Amte gewählt bist mach mich ordentlich stolz es ist diß der beste Beweis daß Du ein brafer Mann bist es ist doch recht gut wenn man in der Jugend lernt jetz zierst Du da von dem Nutze könn denn Deine Junge in Ihrer jetzig Schuhl genug lernen um Dir gleig zu werden bitt schreibe hir über die Zeitunge von denen Du schreibst sind nicht angekommen. Auf den großen Brief von Dein Kinder freue ich mich recht ich wünscht er käme bald, von Dein alte Bekante von hir sehe ich nur noch Fritz Rawia u Rudolf Hagemann welch Dich bestens grüßen. Nun mein lieber Hermann Lebewohl grüß u küsse Maria, Karl, John, Willi, Adolf u den klein Mann von Deiner Liebende Mutter
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Mein liebster [roman:] Hermann! [/roman] Nimm auch von mir die herzlichsten Glückwünsche zu Deinem kleinen Sohne, lieber wäre mir ein klein Mädchen gewesen, ich hätte denn doch wohl Aussicht gehabt bei Dir einmal Pathe zu werden. [roman:] Adelheid & August [/roman] lassen Dich herzlichst grüßen und gratuliren ebenfalls zum kl. Sohn. Sei recht herzlich gegrüßt & geküßt von Deiner Dich liebenden Schwester [roman:] Therese [/roman]
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