Collection: Benecke Family Collection
Author: Frieda Amerlan
Recipient: Josephine Amerlan (Benecke)
Description: Letter from Frieda Amerlan to her sister Josephine Benecke, February 6, 1885.
Original text
[roman] Stettin d. 6.2.85 / Löwestr: 14. [/roman]
Mein herzensliebes Finchen!
So traurig u. weh Dein lieber Brief auch klang - es war uns doch eine Beruhigung u. Freude directe Nachricht von Dir zu haben. Und der nette, kleine, dicke Kerl, der darin lag! Er sieht so schlau u. so zufrieden mit sich u. der Welt aus, daß man ordent- lich eine Bürgschaft dafür zu haben glaubt, daß er sich mal einen sehr ebnen Lebensweg bereiten wird. Und dazu paßt sein Name so gut: möge sein Glück u. die Freude, die Ihr an ihm erlebt, so strahlend sein, wie ein wirklicher "ruby". Daß es Dir eine wehmütige u. doch süße Erinnerung, kam ihn so zu nennen, kann ich Dir - nach dem wir unser Herzens- sophie
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unsre ewig Unvergeßliche verloren haben - so recht nachfühlen; ist es einem doch, als brächten solche kleinen äußern Zeichen wenigstens einen kleinen [insertion] Teil [/insertion] des geliebten Lebens uns zurück. Daß wir dasselbe nicht für immer verloren haben, das glauben wir alle [underline] fest [/underline]. Und wenn diese Hoffnung anscheinend auch nur als Ahnung in unserm Herzen ruft - grade, daß wir sie begreifen können ist ein Unterpfand ihrer Gewißheit. Besser als ich dies ausdrücken kann, haben es ja unsre besten u. größten Geister - nicht nur Dichter - wie Denker u. Phi- losophen ausgesprochen. Zu Weihnachten ist in Jena ein Buch erschienen, in welchem all diese Aussprüche gesammelt sind; Toni Allstädt hat es von Nanni zu Weihnachten bekommen - ich will versuchen, es mir auch zu beschaffen u. dann schicke ich es dir. -
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Zu Ostern wird Toni nach Freien- walde ziehn. Es ist ihr nicht leicht geworden, den Entschluß zu fassen u. so mit allen Erinnerungen zu brechen. Aber sie kann trotz Onkels Zu- buße das Berliner Leben nicht mehr erschwingen - die Wohnungen besonders sind zu teuer. Und [insertion:] da [/insertion] in Fr. auch ein Gymnasium für die Jungens ist, der Verkehr mit den Eltern auch ein leichterer (Angermünde u. Fr. sind durch eine Sekundärbahn jetzt direct miteinander verbunden) ; hofft sie, das richtige zu thun. Alles Äußre ist ihr noch immer so gleichgültig - nur die Erziehung ihrer drei wilden Jungens fühlt sie als ernste u. schwere Verpflichtung auf sich ruhn. - Aber Du hast recht: die arme Doris ist noch unendlich viel mehr zu bedauern! Sie leuchtete damals immer ordentlich vor Glück, wenn sie von ihrem Mann sprach. Schreibe uns doch ja wieder, wie sie sich arangirt hat.
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Wir haben viel herzliche Teilnahme für sie - ebenso für die arme Therese! Daß diese auch an solchen Schubbiak kommen mußte!-? - Vaters Bilder sind glücklich u. grade zu Weihnachten angekommen; wir sehr wir uns über sie gefreut haben, hat Euch Vaterchens eigenhändiger Brief wohl am besten gezeigt. Wir waren sehr gerührt über Robert u. fanden es so nett, daß er sich solche Mühe gegeben hat; - aber freilich! zu seinen Schwestern muß er auch nett sein - besonders wenn sie in Kummer u. Not sind. - Nun zum Schluß die Nachricht von uns Allen hier, daß wir trotz des harten Winters gesund ist (auch Emil ist, Gott sei Dank, wieder hergestellt) u. von Euch Allen das Gleiche hoffen! Grüße Deinen lieben Mann u. die Kinder recht, recht herzlich von uns; besonders die beiden Mädchen - Großpapa schickt ihnen einen Extrakuß, weil sie so wirtschaftlich u. Dir schon solche Stütze sind. Auch den zwei Onkels besten Gruß! Dich, mein liebstes Finchen, grüßt u. küßt in alter schwesterlicher Liebe
Deine Fr. A.
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